Studie: Expertenbefragung des Deutschen Mittelstands-Barometers
Aufschwung gefährdet?
12/07
Fachkräftemangel entwickelt sich zum Wachstumsrisiko
Die gute Nachricht vorweg: Das derzeitige
Stimmungshoch im Mittelstand wird auch in den kommenden
Monaten anhalten und zur weiteren Belebung auf dem
Arbeitsmarkt führen – so das Ergebnis der zweiten Expertenbefragung
des Deutschen Mittelstands-Barometers (DMB). Der
anhaltende Wachstumskurs ist jedoch nach Einschätzung der
Experten durch einen zunehmenden Fachkräftemangel bedroht.
Um den Beschäftigungsboom nachhaltig zu stärken, sind
Unternehmen und Politik gemeinsam gefordert, das
Ausbildungsniveau in den nächsten fünf Jahren deutlich zu
verbessern.
Die Stimmung im Mittelstand könnte derzeit kaum besser sein: Die
über 130 befragten Fachleute aus Mittelstandsverbänden und
-unternehmen bestätigen auch für die folgenden Monate eine stabile
Konjunktur. Dabei wird die wahrgenommene Geschäftssituation
besonders in den alten Bundesländern optimistisch gesehen:
Gegenüber der ersten Expertenbefragung im Frühjahr verbesserten
sich hier die Werte um 3,7 Punkte. Die gute Geschäfts- und
Stimmungslage führt nach Einschätzung der Experten zu einer
nachhaltigen Belebung auf dem Arbeitsmarkt. Über 73 Prozent der
Befragten erwarten, dass die Arbeitsplätze im Mittelstand weiter
ausgebaut werden. Damit wird der im Frühjahr in der ersten
Expertenbefragung erhobene Wert von rund 59 Prozent deutlich
übertroffen. Zugleich führt der Ausbau der Arbeitsplätze zu einem
steigenden Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften. Die Personalsituation
wird sich potenziell schon bald zum entscheidenden
Hemmfaktor für weiteres Wachstum und somit auch für den Erfolg der
Unternehmen entwickeln. Um geeignete Fachkräfte zu halten bzw.
ihren Bedarf zu decken, müssen Unternehmen in Zukunft verstärkt
ihre Attraktivität als Arbeitgeber erhöhen und entsprechende Anreize
für ihre Mitarbeiter schaffen, wie z.B. durch die Einführung von
flexiblen Arbeitszeitmodellen oder Maßnahmen zur besseren
Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Ausbildung: mangelhaft
Besonders kritisch sehen die Experten das derzeitige Ausbildungsniveau.
Mit einer Zustimmung von über 86 Punkten sind sich die
Befragten mehrheitlich einig, dass die Qualität der Ausbildung
eindeutig zu verbessern sei. Zwar besitzt das im internationalen
Vergleich einmalige duale Ausbildungssystem in Deutschland
durchaus Zukunftspotential und Akzeptanz. Doch werden speziell der
Vermittlung der substanziellen Grundkenntnisse während der
Schulausbildung gravierende Versäumnisse vorgeworfen. Demzufolge
beklagen sich die befragten Unternehmer verstärkt über die
unzureichenden Fähigkeiten ihrer Auszubildenden.
„Das derzeitige Ausbildungsniveau reicht nach Einschätzung der
Experten nicht aus, um in Zukunft genügend qualifiziertes Personal
hervorzubringen. Umso stärker werden Unternehmen in absehbarer
Zeit um die so genannten High Potentials kämpfen müssen“, fasst
Professor Michael Lingenfelder von der Forschungsstelle für
Mittelständische Wirtschaft und Studienleiter des Deutschen
Mittelstands-Barometers die Ergebnisse zusammen und empfiehlt:
„Damit der Mittelstand nicht an Boden verliert und das Nachsehen
gegenüber den Konzernen hat, muss die Qualität der Ausbildung in
Deutschland in den nächsten fünf Jahren deutlich gesteigert werden.“
Hier ist besonders die Politik aufgefordert, ihrer Verantwortung
gerecht zu werden und ein fundiertes Ausbildungsniveau zu
ermöglichen. Die unlängst von der Koalition beschlossene nationale
Qualifizierungsoffensive stellt dabei einen ersten Schritt in die richtige
Richtung dar.
Die Unternehmer wissen um die Bedeutung von gut ausgebildetem
Fachpersonal und sind tendenziell bereit, für die weitere Qualifizierung
ihrer Mitarbeiter Sorge zu tragen. Mit über 88 Punkten stimmen die
befragten Experten überwiegend der Aussage zu, dass umfassende
Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen unabdingbar sind, um langfristig
die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu erhalten. „Der
Mittelstand wünscht zum einen, dass sich die Politiker ihrem Auftrag
stellen und eine gute Wissensgrundlage beim Nachwuchs schaffen.
Für die Aus-, Weiter-, und Fortbildung ihrer Mitarbeiter nehmen sich
die Unternehmer zum anderen durchaus selbst in die Pflicht. Eine
kontinuierliche Weiterbildung und Innovationsfähigkeit der Mitarbeiter
– Stichwort Lebenslanges Lernen – wird in Zukunft durch zunehmend
verkürzte Produkt- und Technologielebenszyklen noch stärker
abverlangt werden“, schätzt Professor Lingenfelder die künftige
Entwicklung ein.
Weitere Wachstumsstörer
Wie zuvor in der Frühjahrsbefragung bestätigen auch die Ergebnisse
der zweiten Expertenbefragung, dass überbordende Bürokratie und
Regulierungswut in Deutschland als maßgebliche Störfaktoren für
weiteres Wachstum empfunden werden. „Das seit längerem in die
Kritik geratene deutsche Arbeitsrecht und seine Regularien dürfen
nicht weiter zu Stolpersteinen des Wirtschaftswachstums werden.
Stattdessen müssen positive Beispiele wie das ‚Mittelstandsentlastungsgesetz’
künftig noch stärker Schule machen und den
Arbeitsmarkt beflügeln“, kommentiert Professor Lingenfelder die
Studienergebnisse. Als weitere Wachstumsstörer sehen die Experten
das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit. Hier zeichnet sich ein von
der guten Stimmungslage abweichendes Bild ab: Insgesamt wird das
Unternehmerbild in der Öffentlichkeit vor allem in den neuen
Bundesländern ausgesprochen schlecht bewertet.
Zum Studiendesign
Für die zweite Expertenbefragung des DMB wurden Mittelstandsexperten
aus ganz Deutschland befragt. Zu diesen zählen Vertreter
des größten Mittelstandsverbandes, dem Bundesverband mittelständische
Wirtschaft (BVMW), und assoziierter Fachverbände sowie
mittelständische Unternehmer. Kern der Studie bilden bei den
unterjährigen Expertenbefragungen wie auch bei der umfassenden
Unternehmerbefragung des DMB am Jahresende die Einschätzungen
zur Stimmungs- und Geschäftslage mittelständischer Unternehmer.
Dabei berücksichtigt das DMB auch psychologische Aspekte wie
Gründungsklima, Freude am Unternehmertum und Unternehmerbild in
der Öffentlichkeit als maßgebliche Determinanten für den
wirtschaftlichen Erfolg.
Das Deutsche Mittelstands-Barometer
Die Forschungsstelle Mittelständische Wirtschaft der Philipps-Universität
Marburg (FMW) erhebt branchenübergreifend, regional und überregional
wichtige Themen- und Problemfelder des deutschen Mittelstands. Das
Deutsche Mittelstands-Barometer ist ein Kooperationsprojekt zwischen der
FMW, dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) und der
BDO Deutsche Warentreuhand AG. Die ursprünglich als Marburger
Mittelstands-Barometer initiierte Untersuchung startete 2004 in
Zusammenarbeit mit dem BVMW und hat in den letzten drei Jahren in
Medien, Politik und der Wirtschaftspraxis deutliche Akzente gesetzt.
Einmal jährlich werden in einer umfangreichen Studie Unternehmer u.a. zu
ihrer Einschätzung des Geschäftsklimas und ihrer Stimmungslage befragt.
Zwei flankierende Untersuchungen im Frühjahr und Herbst geben Einblicke
in die wirtschaftliche Situation der Unternehmen und Rahmenbedingungen
für erfolgreiches Unternehmertum aus Sicht von Mittelstandsexperten. Die
insgesamt drei Erhebungen des Barometers ermöglichen damit valide
Aussagen zur faktischen und gefühlten Lage der Mittelständler im
Jahresverlauf. Kurzum: Das Psychogramm des deutschen Mittelstands.
Das DMB bündelt die Perspektiven und Expertisen von Wissenschafts-,
Verbands-, Unternehmens- und Medienseite: Mit der Forschungsstelle
Mittelständische Wirtschaft (FMW), dem Bundesverband mittelständische
Wirtschaft (BVMW), BDO Deutsche Warentreuhand AG und dem
Wirtschaftsmagazin Markt und Mittelstand schließen sich vier
Kompetenzpartner im Bereich mittelständische Wirtschaft zusammen.
Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. rer.pol. Michael Lingenfelder
Tel. 06421/28 2-3762
Fax: 06421/28 26 598
Philipps-Universität Marburg
Fachbereich Wirtschaftswissenschaften
Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre
Universitätsstrasse 24
35037 Marburg