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Dossier: Kreditversicherung: Wenn der Kunde nicht zahlt


Unternehmen räumen Kunden in aller Regel Zahlungsziele ein, gewähren den so genannten Lieferantenkredit – und treten damit in ein risikoreiches Problemfeld ein. Kreditversicherungen bieten Risikoschutz und Schadenprophylaxe.

Was ist, wenn der Kunde nicht bezahlt? Eine fast alltägliche Horrorvision, die besonders bei kleinen Unternehmen an den Grundfesten der Liquidität rüttelt. Die Ware ist geliefert, die Leistung erbracht, aber Geld fließt erst in einigen Wochen oder Monaten oder im schlimms-ten Fall gar nicht. Forderungsausfälle führen häufig zur Insolvenz des Lieferanten. Zu einer professionellen Unternehmensführung gehört deshalb unbedingt das Risikomanagement – und das gilt nicht nur für Neugründungen. Auch für schon länger am Markt tätige Firmen gibt es immer Möglichkeiten, Forderungsausfallrisiken zu minimieren, wissen clevere Consultants.

Die Experten der Wirtschaftsauskunftei Creditreform geben die Zahl der Unternehmensin-solvenzen für 2005 bundesweit mit 38.000 Fällen an. Die Tendenz lautet stagnierend auf hohem Niveau steigend! Die geänderten Kreditvergaberichtlinien der Banken haben bei vie-len Firmen auch die Situation auf der Finanzierungsseite verschärft. Generell macht der gravierende Eigenkapitalmangel viele kleine und mittelständischen Unternehmen zu potenziellen Insolvenzkandidaten. Auf der anderen Seite erhöhen Lieferanten ihr Risiko, indem sie ihren Kunden den Lieferantenkredit gewähren. Oft führen die Insolvenz des Kunden und der Verlust von Zahlungseingängen zu Liquiditätsengpässen und schlimmstenfalls zur eigenen Pleite. Davor kann der Abschluss einer Kreditversicherung schützen.

Versichert schon ab 100.000 Euro Jahresumsatz

'Grundlage der Entscheidung, Waren zu liefern oder Dienstleistungen zu erbringen, sollte aus Kreditsicht immer die Bonitätsüberprüfung der Kunden sein', empfiehlt Benoît Claire, Vorstandsvorsitzender der Coface Deutschland, einem der weltgrößten Kreditversicherer und Anbieter von Leistungen im Debitorenmanagement. Grundsätzlich kann schon ab rund 100.000 Euro Jahresumsatz der Einsatz einer Kreditversicherung für Unternehmen sinnvoll sein. Bei der versicherten Forderungsart gilt es darauf zu achten, dass sie an Unternehmen der Privatwirtschaft gerichtet sind –- also nicht an Einzelpersonen oder an die öffentliche Hand.

Grundsätzlich sind Forderungen aus Waren- und Dienstleistungen weltweit versicherbar. Im Normalfall gibt es keine Mindestwerte was Umsatz, Forderungshöhe oder ähnliches angeht. Die Prämie dieser Absicherungsform richtet sich nach der Branche des potentiellen Versi-cherungsnehmers, der Branche seiner Abnehmer und der Vorschadensituation. Insgesamt gilt im Inland, dass die Prämie in Promille von den offenen Posten am jeweiligen Monatsletz-ten berechnet werden. Im Ausland richtetet sich die Prämie in Prozent vom in dem Monat getätigten Umsatz. Für kleinere Unternehmen mit einem Jahresumsatz bis fünf Millionen Euro gibt es ein standardisiertes Produkt, das bei einer Jahresprämie in Höhe von ca. 3.000 Euro beginnt. Oberhalb dieser Grenze wird jedes Angebot individuell kalkuliert.

Hohes Risiko bei kleinem Kundenstamm

“Für Unternehmen lohnt sich eine Kreditversicherung immer dann, wenn es in der Vergan-genheit bereits Forderungsausfälle gab – Stichwort Einzelwertberichtigung”, sagt Dr. Stefan Hirschmann, Wirtschaftsredakteur beim Bank-Verlag in Köln und Herausgeber eines Stan-dardwerks zum Thema Kreditversicherungen. Ebenso mache der Vertrag Sinn für Firmen mit starker Expansion oder bei hoher Neukundenanzahl. Die Police lohne sich besonders für Firmen, die von wenigen Hauptabnehmern abhängig sind, meint Hirschmann. Ebenso spricht vieles für Kreditversicherung, wenn Firmen wenig Eigenkapital besitzen, um mögliche Forderungsausfälle aufzufangen. Gleiches gilt falls die Umsatzrendite sehr gering ist und eine Firma lange braucht, um einen Ausfall über neue Umsätze wieder rein zu holen. Je mehr Kunden im Ausland sitzen, über die keine Wirtschaftsauskünfte oder wenig Zahlungs-erfahrungen vorliegen, desto mehr bringt Unterstützung durch den Kreditversicherer. Auch Tätigkeiten in risikoreichen Branchen sollten versichert werden. Generell wird das gesamte Umfeld Bauhaupt- und Nebengewerbe in Deutschland von den Kreditversicherern als Risikobranche gewertet.

Der abgedeckte Schadenfall durch die Kreditversicherung ist meist die klassische Unter-nehmensinsolvenz. Je nach Vertrag wird auch schon bei Zahlungsverzug entschädigt. Die Leistung der Kreditversicherer beinhaltet in der Regel die Prüfung und kontinuierliche Über-wachung der Zahlungsfähigkeit der Kunden. Das ist seine Kernkompetenz. Im Schadensfall gibt es eine Reihe von unterstützenden Maßnahmen, die der Versicherer dem Kunden zur Schadenminderung anbietet. Ein wichtiger Punkt für den Kunden ist die Kalkulierbarkeit des Ausfallrisikos. Für die Kreditprüfung kommen pro Antrag Kosten auf den Kunden zu, die je nach Inlands- oder Auslandskreditprüfung zwischen 20 bis 50 Euro pro Fall liegen. Die R+V Versicherung bietet Schutz auch schon für 1.190 Euro Jahresprämie. Vergleiche der Modelle lohnen sich also. „Ich bin sicher“, so Rudolf Servatius von der R+V Versicherung, „das diese Police in den nächsten Jahren eine ganz entscheidende Rolle spielen wird.“

Kontinuität in der Prüfung

Die Kreditversicherung ist als eine moderne Dienstleistung „ein lebendes Produkt“. Anders als bei Deckungsformen, die nur aus dem Schrank gezogen werden, wenn der Schadenfall eingetreten ist, haben Kunde und Kreditversicherer oft täglich miteinander zu tun. Das liegt auch an den Obliegenheiten, die solche Policen mit sich bringen. Hierbei geht es besonders um das Melden der offenen Posten oder um Mitteilungen über verspätet eingegangene Zah-lungen von Lieferanten, auf die ein Versicherungsschutz besteht. Bei der Verletzung solcher Obliegenheiten kann der Versicherungsschutz gekürzt oder aufgehoben werden.

Jedes versicherte Unternehmen trägt eine sogenannte Selbstbeteiligung. Das Prinzip ist beispielsweise bekannt aus der Kfz-Versicherung. Hintergrund: Den Firmen soll die unternehmerische Entscheidung, wem es liefert und wem nicht, nicht abgenommen werden. Unternehmer sollen sich trotz der Versicherung überlegen, ob sie das Risiko eingehen oder nicht. Darüber hinaus wären sonst Prämiensätze ohne Selbstbehalt wesentlich höher. Absolute Kleinst-Forderungsausfälle leitet ein Kunde nicht zur Erstattung an seinen Kreditversicherer weiter. Der Verwaltungsaufwand stünde für beide in keinem Verhältnis zum Nutzen. In der Regel gilt hier ein Ausfallbetrag zwischen 250 und 500 Euro.

In der Regel entscheidet sich ein Unternehmen aus dem Grundinteresse 'Schutz vor Folgeinsolvenz' dafür, sämtliche offenen Forderungen zu versichern. Der Versicherungs-nehmer hat grundsätzlich eine Anbietungspflicht, das heißt, er hat seinem Versicherer sämt-liche Forderungen anzubieten. Auf Kundenwunsch können aber Ausnahmen gemacht wer-den zum Beispiel Länderausschnitt, bei denen nicht alle Länder mit abgedeckt sind oder Branchen- und Produktionsausschnitte, bei denen ein Mischkonzern nur bestimmte Sparten absichern möchte. Ansonsten gilt: Alle Forderungen werden versichert beziehungsweise werden dem Finanzdienstleister zum Versicherungsschutz angeboten.



Individueller Schutz
Bei den verschiedenen Arten der herkömmlichen Kreditversicherung unterscheidet man zwi-schen Warenkredit-, Ausfuhrkredit- und Mischformen der Kreditversicherungen. Sie werden flexibel an Bedürfnisse des jeweiligen Betriebes angepasst. Die Warenkreditversicherung (WKV) bezeichnet die Kreditversicherung nicht nur für Waren, sondern auch für Werk- und Dienstleistungen - zumeist an inländische Kunden. Die Vertragsgestaltung passt sich den Zahlungszielen, Lieferbedingungen und den besonderen Risikosituationen einer Branche und deren Gepflogenheiten an.

Als Ausfuhrkreditversicherung (AKV) bezeichnet man die Kreditversicherung für Lieferungen und Leistungen an Kunden ins Ausland. Gelegentlich wird sie auch Exportkreditversicherung genannt. Sie schützt Exporteure vor Forderungsausfällen im Ausland.

Bei Kreditversicherungs-Mischformen werden WKV und AKV auf Wunsch und nach Bera-tung mit dem Unternehmen zu Standard- oder auch Kompakt-Policen zusammengefasst. Einige Versicherer bieten speziell für Mittelständler zwischen zwei bis fünf Millionen Euro Jahresumsatz Standardpolicen an. Dabei handelt es sich teilweise um Mischformen aus WKV und AKV, wie etwa die WKV-Kompakt der Coface Deutschland. Sie bietet bewährte Leistungen einer Kreditversicherung, ist aber in der Handhabung auf Unternehmen abge-stimmt, die keine spezialisierten Kreditmanager beschäftigen.

Neben diesen beiden klassischen Formen für In- und Auslandsgeschäft, kommt weiter die Investitionsgüterkreditversicherung (IKV) zum Tragen. Für Investitionsgütergeschäfte sind spezielle Absicherungen nötig. Allein die in der Regel längeren Laufzeiten, oft über mehrere Jahre, erfordern eine andere Risikobetrachtung, sowohl. So hat zum Beispiel die Coface Deutschland auch im Langfristgeschäft Erfahrung und erstellt auf Anfrage passende Lösun-gen für das Inland und das Ausland. Die Investitionsgüterkreditversicherung ist auch auf komplexe Geschäfte anwendbar, bei denen Investitionsgüter über Leasingkonstruktionen finanziert werden.

Literaturhinweis:
Stefan Hirschmann/Frank Romeike (Hg.): Kreditversicherungen – Schnittstelle zwischen Banken und Unternehmen, Köln: Bank-Verlag, 2005, 45 €, ISBN 3-86556-092-X.

 

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