Interview: Dr. Günter Faltin
Der erfolgreiche Entrepreneur ist dem Künstler näher als dem Manager.
Dr. Günter Faltin ist Hochschullehrer und Unternehmensgründer. Als Wirtschaftswissenschaftler im Arbeitsbereich Entrepreneurship der Freien Universität Berlin und Gründer der gleichnamigen Stiftung beschäftigt er sich mit den Bedingungen erfolgreicher Unternehmensgründungen. GründerMagazin sprach mit Professor Faltin über die Rahmenbedingungen für Gründer und Chancen und Risiken des Unternehmerdaseins.
GründerMagazin: „Herr Professor Faltin, was ist ihr Tätigkeitsbereich an der FUB und welche Ziele verfolgen Sie?“
Faltin: „Weltweit werden von den Hochschulen Unternehmensgründungen aus der Universität heraus erwartet. Wir versuchen, universitäres Wissen in eigene unternehmerische Praxis um zu setzen. Der Arbeitsbereich Entrepreneurship stellt die Entwicklung innovativer Business Modelle in den Mittelpunkt. Es werden Synergien zwischen eigenen Ideen, ökonomischer Effizienz und Wettbewerb untersucht. Dabei wird auch das Spannungsverhältnis zwischen Betriebswirtschaftslehre und Entrepreneurship beleuchtet. In der Lehre liegt ein besonderer Schwerpunkt auf der systematischen Entwicklung neuer Business Modelle, unter Einsatz der am Arbeitsbereich entwickelten Instrumente zu Idea Creation, Idea Enrichment und Idea Refinement. Dabei kann gezeigt werden, dass Konzepte, die im Einklang mit dem Wertegefüge der Gesellschaft entwickelt werden, besonders chancenreich sind.“
GM: „Mit der „Teekampagne“ haben Sie 1985 eine eigene Geschäftsidee praktisch umgesetzt und wurden damit in nur kurzer Zeit Marktführer im deutschen Teeversandhandel. Was war ihr Erfolgsrezept ?
Faltin: „Mir ist der große Preisunterschied zwischen Tee in Indien und in Deutschland aufgefallen. Was macht den Tee so teuer? Es sind die Kleinpackungen und das große Sortiment. Wenn man die Sortimentsbreite radikal auf nur eine Sorte beschränkt, werden die Einkaufsmengen so groß, dass es ökonomisch Sinn macht, am Zwischenhandel vorbei direkt im Erzeugerland einzukaufen. Für die Kunden macht das aber nur Sinn, wenn man dafür die beste Teesorte, Darjeeling, bekommt. Also nur Darjeeling, nur in Großpackungen. Das Prinzip stammt von Leonardo da Vinci: In der Einfachheit liegt die höchste Vollendung.
GM: „Und wie setzen Sie die Erfahrungen in ihrem „Labor für Entrepreneurship“ um?“
Faltin:In unserem „Labor “ führen wir vor, wie man eine Gründungsidee findet, sie systematisch entwickelt und so lange daran feilt, bis sie klare Wettbewerbsvorteile zeigt. Das 'Labor für Entrepreneurship' ist eine Methode, systematisch aus einem Rohstoff (Patent, neue Technologie, neue Idee) ein ausgereiftes und in allen notwendigen, auch betriebswirtschaftlichen Aspekten durchdachtes Business Model zu entwickeln. Hierbei kommen von uns entwickelte Verfahren des Idea Development und Idea Refinement zum Einsatz. Erst dann beginnt die praktische Umsetzung. Auch für fortgeschrittene Gründer bieten die Veranstaltungen die Chance, das eigene Geschäftsmodell professionell zu beleuchten und entscheidend zu verbessern.“
GM: „Sie geben das Stichwort „Professionalität“. Ist es hierzulande nicht vielmehr so, dass die wichtigen Instrumente der Unternehmensgründung nicht richtig oder gar nicht eingesetzt werden?“
Faltin: „Während in den angelsächsischen Ländern zwischen Entrepreneurship und Business Administration unterschieden wird, also zwischen den kreativen Aspekten eines neuen Geschäftskonzepts und dem operativen Geschäft des Unternehmens, sollen die Gründer hierzulande Alleskönner sein. Sie sind dadurch völlig überfordert. Das führt zu Überlastung und Dilettantismus. Betriebswirtschaftliches Handeln ist sehr wichtig; es muss professionell geschehen. Man muss auch bei der Unternehmensgründung - wie in allen anderen Bereichen ja längst - viel mehr Arbeitsteilung einsetzen.“
GM: „Wo sehen Sie da die Lösung?“
Faltin: „Der Entrepreneur muß dem Künstler näher sein als dem Manager. Und deshalb braucht er eine gehörige Portion jener (Nicht-) Arbeitstechniken, die Kunstliebhaber bei ihren Idolen bewundern, die von der bürgerlich-calvinistischen Arbeitsethik aber verteufelt werden. Wenn wir begriffen haben, wenn deutsche Unternehmer – vom kleinen Geschäftsmann bis zu den Vorständen der Kapitalgesellschaften – sich als Entrepreneure verstehen und nicht als Manager, wäre viel gewonnen.“
GM: „Nun kann nicht jeder junge Unternehmer oder Künstler gleich gut sein. Idole wie Bill Gates oder Steven Jobbs fallen nicht alle Tage vom Himmel.“
Faltin: „Es geht, anders ausgedrückt, um die eigene unternehmerische Idee, die unternehmerische Vision. Diese Idee muss passen. Nicht nur zum Markt – nein, auch zu mir. Wo soll ich sonst das Selbstbewusstsein, die Begeisterung, die Energie her nehmen, die ich brauche, um „den Markt“ zu überzeugen? Das heißt auch: Die Idee muss gut durchdacht sein. In Ruhe durchdacht, mit Vergnügtheit auch, mit kindlicher Begeisterung und mit Offenheit für das Neue, noch Unerprobte. Das, in der Tat, geht nur mit einem Stück Muße, nicht unter Zeitdruck oder mit Aktionismus. Viele Arbeits-„Schritte“ gehen wir besser in Gedanken. Mit distanziertem Nachdenken kommen wir auf Lösungen, von denen wir in der Hektik des Alltags nicht geträumt hätten. Einfache Lösungen ergeben sich meist nicht zu Beginn, sondern am Ende des Durchdenkens – aus der Souveränität, aus dem Abstand zum Problem.“
GM: „Angesichts der obwaltenden Rahmenbedingungen fällt es allerdings schwer, als Unternehmer kindliche Begeisterung und Vergnügen zu entwickeln. Was muss konkret passieren, um den Karren richtig flott zu machen, wo sind die Probleme?“
Faltin: „Da ist zum einen die Bürokratie der Behörden. Sie behindert mit ihren Regularien und Kontrollen jede Gründung. Eine Garagengründung à la Apple wäre in Deutschland undenkbar, sie würde an den Vorschriften scheitern. Ein zweiter Kritikpunkt ist die Förderpraxis, denn sie orientiert falsch. Viele Gründer schielen nach den Subventionen, statt sich auf ein gutes, innovatives Gründungskonzept zu konzentrieren. Statt zu subventionieren, sollte man dem Gründer die Möglichkeit einräumen, in den ersten ein oder zwei Jahren unbehindert von Behörden zu arbeiten. Dies würde die Zahl und den Erfolg der Gründungen erhöhen.“
GM: „Trotz dieser entmutigenden Fakten, was raten Sie jungen Existenzgründern, um trotzdem erfolgreich zu sein?“
Faltin: „ Nicht Alleskönner sein zu wollen, sondern, gerade was die operativen Teile angeht, mehr auf Arbeitsteilung zu setzen. Der kleine Selbstständige, der sich im Tagesgeschäft aufreibt, ist gerade deswegen ständig überfordert und in der Gefahr, zu wenig innovativ zu sein. Wenn der Volksmund sagt: „Selbstständig sein heißt: Alles selber arbeiten und das ständig“, dann trifft er einen wunden Punkt in unserem überholten Verständnis von Unternehmertum.
Wir brauchen eine neue Kultur unternehmerischen Handelns.
Unternehmerische Tätigkeit muss auch heißen, die eigene Berufung zu finden, etwas sehr Eigenes zu tun, das einem „liegt“, das persönlich Sinn macht, das die eigenen Sinne belebt, die eigenen Talente und Fähigkeiten entfaltet. Nur dann wird man gut genug sein, in immer wettbewerbsintensiveren Märkten zu bestehen.“
GM: „Herr Professor Faltin, wir danken für das Gespräch.“
Das Interview führte Chefredakteur Axel Winkelnkemper